Mit der Seepferdchenkutsche beim Wassermann

 

 

Vier Seepferdchen stupsten ihre Nasen an Taugenichts Fußsohlen. Wie angenehm das kitzelte, und er genoss das Spiel der liebenswerten Fische.

„Komm schon“, frohlockten diese auffordernd. „Worauf wartest du noch, wir haben extra für dich einen Wagen mitgebracht. Wir bringen dich zu unserem Meister.“

Taugenichts rieb sich nochmals die Augen. Vor ihm stand ein prunkvoller Gespannwagen, verziert mit perlmuttglänzenden Muscheln. Das Sonnenlicht ließ es in allen Regenbogenfarben schimmern. Der Sitz war eine Riesenmuschel, wie er sie noch aus dem Biologieunterricht von früher her kannte.

„Nun gut, ich folge euch, wie sonst soll ich das Morgenland finden“, wobei er langsam dachte, das Wort kommt wohl daher, weil er jeden Tag aufs Neue hoffte: Morgen finde ich das Land mit dem Königreich Freiheit.

„Aber sagt mir eines, wer ist euer Meister und Verbieter?“

„Wieso Verbieter?“, fragten die Seepferdchen überrascht und schauten sich dabei verwirrt in die Augen. „Es ist unser Meister und Gebieter, der Wassermann.

Einen besseren könnten wir uns nicht vorstellen. Er ist nachsichtig mit uns und nicht so vorsichtig wie du“, fügten sie betonend hinzu.

„Der Wassermann also, na, wenn es weiter nichts ist“, dachte Taugenichts mit einer achselzuckenden Bewegung und stieg ein.

Er machte es sich bequem und wollte nach einem der Schwämme greifen, die zu hunderten in der Muschel umherlagen. Nichts weiter als den Schweiß abwischen, den die hochstehende Sonne aus dem Körper presste. Doch die Seepferdchen riefen: „Halt, warte bis wir unter Wasser tauchen, dann werden sie erst kuschelig weich.“ „Halt!“, schrie auch Taugenichts, „wie soll ich denn da unten atmen?“

„Mach dir keine Sorgen, zuerst wird die Muschel zuklappen und mit der Zeit gewöhnst du dich schon daran. Schließlich sind schon viele Lebewesen vom Land ins Wasser gekommen und haben sich schneller zurecht gefunden, als sie dachten.

Du siehst, denken kann manchmal ganz schön hinderlich sein.“

Mit diesem Satz endeten die Seepferdchen und ritten mit Taugenichts in der Muschel von dannen.

Ganz anders als in Hypochonder, wo so viele Steingärten den Weg säumten, führte diese Reise durch ungewöhnlich schöne Korallengärten.

Sie wiegten die Köpfe ganz seicht hin und her, als tanzten sie zur Begrüßung für ihn. Auch die Fische sah er jetzt mit anderen Augen.

Früher kannte er sie nur, wenn sie auf den Tellern zum Essen bereit lagen.

Nur die vielen Schuppen störten ihn ein wenig und er empfahl, sich öfters mit einem guten Schampoo zu waschen.

Daraufhin lachten einige herzenslaut und gaben ihm den Ratschlag, lieber selbst damit aufzuhören. Ihre Schuppen seien nämlich gar nicht so unpraktisch hier ‚unten’ und außerdem wäre hier in null Komma nichts alles mit schaumigen Seifenblasen bedeckt, was wieder den Wassermann ärgerlich stimmen würde.

Etwas beleidigt zog Taugenichts seinen Körper wieder in die Muschel zurück.

„Dabei habe ich es nur gut gemeint“, schmollte er vor sich hin.

Endlich erreichten sie nach lautloser Fahrt den Palast des Wassermanns.

Der Wassermann wartete anscheinend schon geraume Zeit, denn er war eingeschlafen und stützte sich dabei auf den Dreizack.

Einige kleine Fische stippten und stocherten unaufhörlich in seinem zentimeterlangen Algenbart.

Doch als wüsste er, dass sie jeden Augenblick auftauchen würden, stand er aufgeregt und etwas fahrlässig von der Korallenbank auf, die ihm als Ruheplatz gedient hatte. Sie kippte zur Seite und er nuschelte etwas, es klang eher gutmütig als bösartig. „Sie sehen, Herr Taugenichts, wenn man etwas zu lässig beginnt, endet es meist fahrlässig.“

Er kam mit großen Schritten auf das Gefährt zu und begrüßte Taugenichts herzlich, so  dass dieser unweigerlich an die Herzen aus Stein  zu Hause dachte.

„Wollen Sie etwas zu sich nehmen, zum Beispiel Algensalat mit Grünspan oder Vorderschinken von unseren vorzüglichen Meerschweinchen?“

„Nein danke, ich habe schon gegessen“, log Taugenichts und war traurig, dass er das Angebot des Wassermanns abschlagen musste. Aber dies war nun doch nicht so ganz sein Geschmack.

Der Wassermann  bedauerte dies und bot Taugenichts einen Platz auf der Korallenbank an, die von den fleißigen Korallenfischen in der Zwischenzeit wieder aufgerichtet worden war. „Nun, was führt Sie zu mir, mein Bester?“, fragte der Wassermann einladend zu einem Gespräch.

„Ach, eigentlich suche ich das Morgenland mit dem Reich Freiheit. Aber ich konnte einfach nicht schneller als die Sonne gehen. Obwohl, manchmal glaubte ich fast schon da zu sein“, fügte Taugenichts noch schnell hinzu.

Der Wassermann bedauerte die Antwort ein bisschen, denn er hatte insgeheim gehofft, Taugenichts wollte ihn besuchen.

„Das Reich Freiheit also ... hmh, ..., keine leichte Aufgabe“, murmelte er und hob dabei den Zeigefinger. Nicht um zu drohen, sondern um die Wichtigkeit seiner Aussage zu bestärken.

„Ja, bei uns in Hypochonder sind sogar die Herzen aus Stein und deshalb suche ich es, weil es dort anders ist.“ „

Anders heißt aber noch lange nicht besser“, belehrte ihn der Wassermann, „aber vielleicht kann ich ihnen helfen.

Ich habe eine Garde Fische hier, die nennt sich Steinbeißer. Sie könnten ihnen bei der Lösung ihres Problems unter Umständen dienlich sein.“

„Das ist sehr freundlich von ihnen, aber mein Weg ist noch weit“, stammelte Taugenichts, „und vielleicht ist es gefährlich, ich will nicht, dass die Steinbeißer meinetwegen Ärger bekommen“, vervollständigte er.

Der Wassermann zeigte sich überrascht, war aber froh, einen so verantwortungsvollen Menschen zu treffen, denn sonst war er anderes von den Menschen gewohnt.

Seit er sich entsinnen konnte, mordeten sie und führten ständig irgendwo Krieg.

„Lassen Sie mich genau nachdenken.“ Er hantierte am Schloss einer morschen Kiste, doch keiner der vielen Schlüssel, die er ausprobierte, wollte so recht passen. „Holt mir bitte den Sägefisch herbei“, rief er erregt zu den Seepferdchen und die preschten bei so viel Aufregung verwundert davon.

Höchst selten erlebten sie ihren Wassermann so nervös. Es lag wohl daran, dass er gerne schnell geholfen hätte, aber manches dauert nun mal seine Zeit.

Als die Seepferdchen zurück kamen, folgte ihnen eilig Herr Sägefisch und im Abstand einiger Wellen, mitunter etwas plump, Herr Hammerfisch.

„Wie nett, dass ihr beide zu mir kommt, um diese blöde Kiste zu öffnen“, freute sich der Wassermann verzückt. „Damit ist diese Truhe kein Hindernis mehr.“

Sogleich hämmerten und sägten beide Fische wie besessen am Verschluss. Ein kurzer Knack und der Kistendeckel sauste nach oben. Die ganze Truhe barg eine Anzahl von Steintafeln.

„Sie brauchen keine Angst zu haben, bei uns sind die Bücher nur aus Stein, zwecks Haltbarkeit unter Wasser, Sie verstehen“, warf er sofort ein, als er das verschreckte, skeptische Gesicht von Taugenichts sah.

„Das ist gut“, meinte dieser und lauschte, was ihm der Wassermann sonst noch zu berichten wusste.

„Also, da die Garde meiner Fische Sie nicht den ganzen Weg begleiten kann, muss ich doch mal nachschauen, ob nicht auch welche im ..., wie heißt ihr Land nochmal, wo Sie herkommen?“, flechtete er ein, obwohl es hier ja nur Algen gab und keine Flechten.

„Hypochonder im Abendland“, beantwortete Taugenichts ordentlich die gestellte Frage.

Der Finger des Wassermanns kreiste auf einem besonders großen Exemplar einer Steintafel unaufhörlich.

„Da!, da haben wir die Lösung!

Falls Sie die Steinbeißer wirklich benötigen sollten, böte es sich an, sie aus dem Steinhuder Meer abzurufen. Dort befindet sich eine Außenstelle meines Einflussgebietes, wobei ich gleich betonen möchte, dass mein Wirkungsgebiet mehr als ‚ein Fluss’ darstellt“, betonte der Wassermann. Eigentlich unnötiger Weise, denn den Respekt von Taugenichts besaß er allemal. Taugenichts nahm sein Angebot freudig an und versprach, dass er ihn bei nächster Gelegenheit wieder besuchen werde.

Dem Wassermann schlug das Herz höher und aus Dankbarkeit sagte er: „Ich schicke ihnen eine Eskorte Schwertfische und Stachelrochen mit, diese werden Sie beschützen, solange Sie sich in meinem Reich aufhalten.

Ich wäre ja gerne mit ihnen gekommen, aber meine Verpflichtungen halten mich davon ab. Nicht nur, dass dies mein Bereich wäre, nein auch im Gestirn namens Wassermann muss ich meinen Dienst verrichten. Es ist übrigens das Aareich und verlangt, wie der Buchstabe A schon gesagt, noch Härteres von mir ab.“

Der Wassermann holte erst einmal tief Wasser und fuhr anschließend fort, „auch die Zeitgeschichte rast an mir vorbei, so dass ich manchmal schon meinen Namen vergesse. Zuerst Poseidon, dann wieder Neptun, für den ich nebenbei außerhalb meines Reiches, im planetaren Milchstraßensystem Verantwortung trage. Nun ja, und dann ...“, er stockte für einen Moment und lachte verschmitzt in seinen Algenbart, „... die vielen Badenixen, die kann ich ja auch nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.“

Jetzt wurde es Taugenichts doch unübersichtlich und er hakte beim letzten Satz ein: „Sie wollen doch nicht etwa behaupten, dass ohne ihr Mitwirken nichts seinen Gang nimmt, beziehungsweise in Gang kommt? Wenn das stimmt, gibt es ja gar keinen Zufall und Begriff Schicksal wird aus purer Unwissenheit benutzt.“

„Ganz richtig, Herr Taugenichts, oder aber, um die Realität zu verschleiern und jemand für eigennützige Dinge einzuspannen, dann nämlich findet keiner mehr seine eigene Lebensschnur, der er nur zu folgen braucht. Gespannt wird die von uns, aber gehen kann jeder völlig selbstständig nach seinen eigenen Bedürfnissen, der Schnelligkeit und Art.“

„Wer ist wir?“, fragte Taugenichts wissbegierig.

„Ach ja, das vergaß ich beinahe, das bedeutet: Wir Vier: der Salamander, der im Feuer wohnt, die Sylphen, deren Element die Luft ist, die Gnome auf der Erde und schließlich ich mit meinen Leuten im Wasser. Die Sylphen sind in Hypochonder eher unter dem Begriff Elfen bekannt.

Übrigens, den Salamander können Sie auf ihrer Weiterreise kurz besuchen. Ich werde den Seepferdchen Bescheid geben, dass sie nur kurz verweilen. Sie werden es verstehen, dass sie das nicht mögen, bei der Hitze.

Der Salamander gilt als besonders heißblütig.“ „Selbstverständlich“, willigte Taugenichts ein.

„Schon wieder die Vier“, rumorte es in seinen Kopf. Langsam wurde Taugenichts die Sache unheimlich.

Vier Jahreszeiten, vier Windrichtungen, die er kannte, oben, unten, rechts und links – auch viere, das mit dem Pulsschlag geteilt durch den Atem, und die vier Seepferdchen. Zufall konnte es nach Aussagen des Wassermanns gar nicht geben, also gab es unter Umständen einen direkten Zusammenhang?

Sein Gedankengang wurde jäh unterbrochen.

Die Kutsche mit den Seepferdchen war vorgefahren und es hieß Abschied nehmen. Dem Wassermann rollten einige Tränen über die Wangen, und er befahl einigen Süßwasserfischen, sie aufzustippen.

 


Die verhexte Märchenwelt

 

http://www.amazon.de/Die-verhexte-M%C3%A4rchenwelt-Kindergeschichten-u-v/dp/3862681408


Dorante Edition, Berlin, 2010

ISBN 978-3-86268-140-2

 

© Günter Zabel

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