Abenteurer in Seenot

 

 

Es ist Mittag, der Morgen ist bereits in der Schwüle verendet. Der Jaguar schläft tief in den Dschungelwäldern von Belize.

Wir besteigen ein motorisiertes Kanu, um von Punta Gorda nach Stan Creek, über das Wasser der Mangrovensümpfe zu gleiten. Wir bedeutet in diesem Fall: ein Vietnamveteran, ein gut gedrillter Dobermann, ein gut halbes Dutzend dunkelhäutige Einheimische und ich.

Unser Kapitän schluckt genüsslich ein Belikinbier nach dem Start. Das Boot wird von einem schnurrenden Motor vor sich her geschoben. Wir rammen gleich zu Beginn leicht zwei treibende Baumstämme im Mangrovendschungel. Das Wasser schillert türkisblau und die pralle Sonne lässt selbst die Blätter schwitzen. Dunkle Gewittertürme stehen bereits grollend am Horizont. Der Wind bläst stolz, wie die Nationalhymne von Belize. Unser muskelstrotzender Käpitän schippert den Kahn atemberaubend um die winzigen Inselchen herum.

Die Wellen wachsen in Richtung Ozean. Ihr Schaum giftet uns an. Noch beruhigt uns der aufliegende Hohlraum, in dem wir hin- und herschaukeln. Bald jedoch schwappt hie und da der eine oder andere Wellenkamm in unser Boot. Ich beobachte, wie sich manch einer der Besatzung ordnungsliebend noch einmal die Haare kämmt, während die ersten in aller Bierruhe mit zwei undichten Gefäßen das Boot leer schaufeln. Immer stärker verspürt das salzige Wasser seine süße Beute.

Wer uns lieber verspeisen würde, die Krokodile oder die Haie, bleibt unklar. Bald erwischt schäumende Gischt unser Fahrzeug. Wir schaukeln hilflos von einen Kamm zum anderen, sodass der Motor lauthals in der Luft hängend nach Atem röchelt.

Mittlerweile schöpfen alle, jedoch keine Hoffnung.

Die nächste menschliche Siedlung etwa 30 Kilometer nordwärts. Selbst der Vietnamkämpfer, allzeit kampfbereit, kratzt hastig Wasser aus dem Boot. Der Dobermann zittert wie Espenlaub, Teile des Ozeans tummeln sich vergnügt und kniehoch in der Holzbadewanne. Da nur zwei Schöpfgefäße, ein halber Eimer und eine ganze Dose, vorhanden sind, entwickeln einige unter den Besatzungsmitgliedern recht schöpferische Ambitionen der Selbsthilfe. Meine Wahl fällt auf mein T-Shirt mit der Aufschrift: „Belize it“. Die dicke Negermami gegenüber versucht ihr Glück mit ihrem Taschentuch. Ich dachte schon sie winkt zum Abschied damit.

Letztendlich schauert es sogar den Himmel und er weint bitterlich Tränen. Immerhin, die Plastiküberdachung hält uns diesen Weltschmerz weitgehend vom Leib.

Nach sechs Stunden erreichen wir wieder seichteres Gewässer, nachdem wir die ganze Zeit Teile des Ozeans aus unserem Boot herausbeförderten. Die Magrovensümpfe zeigen friedlich ihre Stümpfe.

Ich bin so versalzt, dass ich meine rötlich brennenden Augen fast nicht mehr öffnen kann.

Der Horizont spendet Rotlicht, das beruhigt ungemein, ein Krokodil springt weg, welches wir wohl bei seiner Abendtoilette gestört haben.

Momentan gibt es neue Probleme, wir stecken auf einer  sumpfigen Sandbank fest. Es wird spannend wer die Abenddämmerung außerhalb des Bootes genießen darf. Alle weißen Augäpfel der Schwarzhäutigen richten sich kommentarlos auf uns. Drohend sieht das schwarze Wasser aus und schon stehen beide Westler bis zum Bauch im Wasser, warten beim Freiziehen des Bootes darauf, dass uns ein Krokodil im dunklen Wasser zärtlich liebkost.

Nach diesem eher unangenehmen Kapitel läuft der Kahn ausnahmsweise für eine Stunde sanft über die matte Wasseroberfläche.

Die pechschwarze Nacht übernächtigt uns und wir sinken alle total erschöpft auf den Schiffsboden. In unseren Gedanken zieht noch mal der betagte Tag vorbei. Ich bin sozusagen auf den Hund gekommen und umklammere schläfrig den Dobermann (Boss sein Name).

Endlich Lichter, eine menschliche Siedlung im Dunkel der Nacht - Stan Creek. Bevor wir aber ans Ufer setzen, rammen wir noch mal rumpelnd die aus dem Wasser lugenden Holzpfeiler und streifen die Überdachung unseres Bootes ab.

Ein unfreiwilliges Abenteuer geht zu Ende.

 

 

Fernweh

Die schönsten Urlaubsgeschichten
Bd. II

 

http://www.wendepunkt-verlag.de/buecher/rapidcart-33/index.html
 

 

Wendepunkt Verlag, 2010

ISBN 978-3-938728-18-5

 

 

© Günter Zabel

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