Stadtrundfahrt

 

 

Über der Erde zieht der Münchner Ring seine Kreise.

Bavaria die bayerische Erde schmollt gleichgültig in ihrer Allegorie, weil sie nicht das Schloss noch die Burg der Nymphen betreten kann. Stattdessen steht sie drinnen in der Innenstadt sich die Füße auf der Wiesn platt. Fabelhaft.

Ganz weit hinten am Horizont setzt sich ein roter Marienkäfer auf den Marienplatz. Blauweiß grient der Himmel. Ein paar seelenstarke Frauen mit Adlerflaum auf dem Kopf kauern frömmig in der barocken Frauenkirche und beten für ihre verlorenen Mannsseelen.

In den Biergärten bequemen sich raunend die bajuwarischen Mannsbilder, zwirbeln sich selbstgenüsslich die prächtigen Bärte. Sie schlürfen gierig mit holpernden Adamsäpfeln das flüssige Antidepressiva, daneben weißblau der schmackhafte Schimmel in dem Käse. Mit ihren tellergroßen Händen zerzupfen sie dicke Schweinshaxen. Daneben ein paar junge Platzhirsche suchen in trotzig dicken Lederhosen nach pallaktischer Paarung. Auf den hölzernen Bänken kichern ein paar weltoffene Madeln sie lasziv an. Es brunftet inbrünstig und prallbrüstig, inmitten der verschiedenen Standorte, vergraben in den Schützengräben der Geschlechter. Haltestelle Hirschgraben.

 

In Wirklichkeit orientiert sich die Zeit an den S-Bahntakten, unternimmt den geregelten Ablauf mit Routine in die getaktete Gewissheit - unter der Erde.

Einem Bündel Stockfischen gleichend pressen sich mehr oder minder lamentierende Menschen traubensammlig in die ungestümen Räume der S-Bahnröhren.

Ich steige ein, nehme Platz in der säuerlich verbrauchten Luft.

Ein Fahrgast duftet nach Eukalyptusbonbon. Ein anderer zersetzt den scharfrüchigen Duftstrom mit mundenden Fäulnissmikroben aus den Tiefen seines rächenden Rachen. Eine Mischung aus süßlicher Weißwurst und würziger Leberwurst, die Welt in brennender Begierde brenzelt vor sich hin. Eine wachsende Menge von Erwachsenen mit einem mächtigen Brand braut sich schon höflich Richtung Hofbräuhaus zusammen.

Haltestelle Marienplatz.

 

Die Straßenbahn gondelt durch die belebten Verkehrskanäle. Beidseitig münden die Seitenarme der Asphaltflüsse in unseren Hauptstrom. Der Strom trägt uns voran, zieht ruckartig nach vorne. Die Elektroverbindung der Straßenbahn gründelt im Gehänge der Stromleitungen. Der Menschenstrom dergleichen elektrifiziert, leitet wirtelig hinein in davonpreschende Mütter, die ihren nicht motorisierten Kinderwagen über die Straße retten. Ein Mensch neben mir grunzt tierisch. Ein Hund wedelt mit seinem haarigen Schwanz in den unteren Bereichen die Haltestange sauber. Er ist ein menschliches Tier, hustet und bellt nicht, macht keine unrenken Bewegungen, fällt durch die Stetigkeit des Heraufschauens auf. Freudig reagiert er meine Kontaktaufnahme mit einem extra Wedeln. Er streift den Hosensaum eines bärbeißigen jammernden Herrn mit seinem adretten Jankerl.

Gestört von solcher Liebesbekundung distanziert sich dieser entrüstet einen halben Schritt in den gestuften Abgrund zur Ausgangstür. Genau dort wo das unruhige Leben die aufgereihten Körper von Zeit zu Zeit ins Freie drückt. Hinaus inmitten röhrender Kraftfahrzeuge, als Zeugen fahrender Fahrlässigkeit. Lässige Parasiten im kraftstrotzenden Verkehr, die sich ins unentbehrliche Lebensgefüge einer Großstadt eingenistet haben.

Der betagte Herr, immer noch recht echauffiert, verlässt spornstreichs die Straßenbahn in Richtung der gekünzelten Kunst.

Haltestelle Pinakotheken.

 

Die nächste Haltestelle wird zur raschelnden Überraschung. Die Tonbandstimmen quäken nüchtern, senden über Bande Schallwellen, die sich zum Feierabend zu tönernen Tönen abstimmen. Ich feiere den tonalen Abend. Die letzten Sonnenstrahlen räkeln besonnen zwischen den Häuserschluchten, warten schluchzend auf die hereinbrechende Nacht. Eine damenhafte Dämmerung wirft ihre farbige Stola über die wieselnden Wiesen des englischen Garten. Ich greife mir das verdammte Dahindämmernde. Jetzt lichten zentrifugal schon die Neonröhren im verhärmten Großstadtdschungel. Die gleißenden Röhren röhren schon wärmer im Bus der vielen Informationen. Eine digitale Uhr flackert und versucht analog einen Dialog, geht über zu der Korrespondenz zwischen Hell und Dunkel. Zielstrebig steuere ich im flutigen Lichtermeer einen leuchtenden Turm an, der Ruhe gibt, der nicht durch ein An- und Ausschalten den brodelnden Menschenstrom aufheizt, sondern einfach wie Chinin mental mein Großstadtfieber senkt.

Haltestelle Chinesischer Turm.

 

Wo wollte ich eigentlich hin? Ach ja, essen. Essbare Materie einspeicheln und die spuchtigen Brocken schlucken.

Ich verlangsame meinen Schritt. Vor mir verpennt ein Penner den Alltag. Kurzzeitig finden sich zwei ganz verschiedene Seelen durch ein gemein einsam geöffnetes Fenster. Auf seinen Augenflächen irisieren die roten Hecklichter eines davon dröhnenden Porsche.

Die Welt spiegelverkehrt in den Augen des Mannes. Ich drehe mich um, der Porschefahrer dreht auf und verliert sich als Punkt wie eine zersetzende Erinnerung im leuchtenden Einerlei. Eine unerhört schiefe Bahn inmitten eines behauptenden Bahnhofes, die Vergangenheit ertrinkt schweigend zwischen den Stromschnellen von Mission und Passion.

Haltestelle Münchner Hauptbahnhof.

 

Meine Gedanken werden fortan in den Häuserschluchten geschlachtet und die Häuserschächte schächten meine Sinne. Die ewig bremsenden Autoschlangen mit ihren Heckleuchten fädeln sich zu einer roten Girlande. Vor den Schaufenstern liegen schneeweiße Perlenketten. Zwischendurch markieren bernsteinfarbene Blinklichter die Zeitpunkte des Wechsels der schmausenden Träumereien.

Ich beschleunige, setze die Füße schneller auf, spüre die unzähligen Möglichkeiten, die das Leben hier bietet.

Ich trenne mich von der Vergangenheit mit einem stumpfen Gedächtnis in lose Taktlosigkeiten, die alle in dieser Prachtstraße auf mich warten. Ich verstehe ohne Verständnis. Ein Bürgersteig statt dem Bahnsteig, die Bürger steigen verstiegen den Waren nach. An beiden Steigen treibt jeder getrieben in zugiger Luft. Nur hier geht es zur nächsten Versammlung von edlen Gütern, begütert in all den Ansammlungen strebt jeder mit einem zeitigen Geist zur nächsten geisternden Zeit.

Haltestelle Maxmonument.

 

Kinder kleben ihre Nasen neugierig gegen die Schaufensterscheiben, hinter denen vereiste Meerestiere sorgsam ausgelegt sind. Sie sollen möglichst frisch und lebendig wirken. Dennoch hat sie längst der Tod ereilt, mit einigen Ausnahmen, rücklings zum Verkäufer füllt ein glasiges Aquarium brodelnde Fischleiber. Eine alte Dame stürzt exzentrisch durch die Eingangstür von Fisch-Witte, als würde sie die winzige Feder am Hut beflügeln. Gleichsam ist sie auf der Hut, nicht eine Nebenrolle im Spiel des Lebens einzunehmen. Sie mustert zuzeiten das Angebot hinter den Verkaufsvitrinen. Ein lüsternder Blick fällt auf das Lebende, dem sie anscheinend hinterhertrachtet. Sie deutet auf einen der frivol schwänzelnden Kiementiere, einer Forelle, die schon vor Schreck blau anläuft. Es macht dem Tier anscheinend doch was aus, wenn warmblütige Augenpaare in ihre kaltblütigen hinein glotzen. Sie spuckt Blasen und gleichzeitig füllt sich die eigene Blase. Bald jedoch kehrt wieder sattsame Gleichgültigkeit ein und beendet den panischen Spuk für den Moment. Der Mund des alten Weibes und die des Fisches ähneln einander. Keine Spur der Reue weisen ihre Formen auf. Die blaue Forelle stippt gleichgültig an der Aquariumwand. Die betagte Dame zaudert noch unentschlossen. Ein bayerisches Frohgemut peitscht durch die Eingangstür und freut sich des Tages. Die Dame fixiert panikartig den Fisch an. „Den will ich!“ Eigentlich wollte der Mann keinen Fisch. Das lebensbedrohende Netz stochert bereits bedenklich nahe an den Fischleibern vorbei. Der Verkäufer bewahrt Ruhe. Beim nächsten Mal zappelt der Fisch im Netz. Die Maschen gewähren keinen Durchmarsch. Das Finale der Jagd folgt noch. Ich schließe die Augen: Er nimmt den Holzschlegel und schlägt zu. Ein dumpfes Geräusch schluckt die Ladentheke. Kaltes Blut sickert grimmig auf den Verkaufsladentisch.

Ich öffne wieder die Augen. Das greise Weib gluckst fresssüchtig. Der kalte Fisch lebt noch ganz quitschfidel. Mein Bedarf an Viktualien ist für heute gedeckt.

Haltestelle Isartor.

 

Draußen passieren kastrierte Menschen, denen die Muße abgeschnitten wurde. Ich schiebe die Impressionen eines malenden Mahls zur Seite. Mir lüstet eher nach anderem Laster. Ich gehe hinaus ins Gewühl stimmungsgeladener Fußgänger. Ich verfolge mit ihnen den feurigen Feierabend. Wie sie den Frust des Tages in den Einkaufstüten verpacken und nach Hause schleppen. Unbemerkt wartet der aufgehende Mond auf Zuschauer. Ich suche von neuem eine Haltestelle, eine Stelle zum Halten, zum Abwarten mit standfester Festung. Um mich herum pusten einige wie aufgeblasene Kugelfische, ihre bojenartigen Körper wanken über dem Boden. Eine kokette Weiblichkeit verweilt an der Außenecke des U-Bahnhofes, erzeugt bei mir das Gefühl der Zeugung. Der Gedanke verschwindet kurz, die Ecke mittlerweile versteckt in den Rundungen dieser immer stärker feminierenden Verlockung, eine Dirne im Dirndl, eine Diva von Münchner Lust. Eine U-Bahn hält. Ein Schub von Pendlern berstet ins Freie. Dann flieht die Bahn die Schiene entlang.

Ich steige ein. Wichtig ist die Haltung. Jeder hält den anderen aus, so gut es geht. Das Bewahren der Würde in der vermengten Menge, aufrecht und gerade, trotz des Dahintorkelns zwischen den leibigen Fleischbojen, ist zeitgleich Demut und Anmut. Alle hier sind Wegweiser, Kundschafter und Botschafter eines kultischen Zeitgeistes. Schön mit ihnen durchs Leben zu manövrieren, geschützt vor Brand- und Rußteilchen, die draußen in einem Hub, den Raum zur Entfaltung finden, die rastenden Hetzer und die hetzenden Raser, die ihre Taten als Zutaten des Festtagsmahls einbringen und dann quirlig den Tag umrühren.

Das liebe ich, diese stromernden Streuner, die ihre Hingabe niemals ganz auskosten und ich verzehre sie durch meine scharfe Beobachtungsgabe. Die Diva im Dirndl steigt aus, vorbei die liederliche Lust, springt fesch in Richtung Oktoberfest.

Haltestelle Theresienwiese.

 

Es regnet. Die Tropfen am Fenster einer Apotheke perlen hoffnungsvoll. Sie wissen nichts von der Hypothek der bayrischen Landesbank. Sie sind sich selbst genüge. Die Trockenheit fürchten sie, sonst nichts.

Lichtkegel auf nässespiegelnden Asphalt, herrenlose Abgase tüfteln an atemberaubenden Freiluftversuchen.

Ein Hund kläfft sich die Kehle aus dem Leib. Ich beschwichtige seine dramatisierenden Ausbrüche. Er grollt weiter vor sich hin. Ich besteige die Straßenbahn. Eine Straßenbahn ist irgendwie eine runde Sache, ohne Ecken und Winkel.

Lichterkegel rollen draußen zu Boden. Bescheidene Zerwürfnisse einer entfliehenden Helligkeit. Der Steuermann dreht den Gashahn auf. Die Bahn schlängelt in der stählernden Furt weiter Richtung brodelnden Stadtkern. Ich lehne am Geländer. Grenzlinie zwischen dem Hier und Dort. Abgrenzung von den eigentümlichen Besetzern und dem besitzenden Eigentümern dieser bahnenden Straßenbahn. Ein aufgetakelter Vamp stolpert eilig in den Feierabend. Ihr Hackenschuh verweigert den aufrechten Gang, verhakt sich im Gitter des Tritts. Ihr dunkelroter Nagellack sieht aus wie vertrocknetes Blut. Kalkweiß klebt die Maske im Gesicht. Der blutrote Mund küsst die gelben Lichter der Autobahnzubringer. Die Lippen verschlingen die Eintönigkeit der Farben. Sie verlangen den Bruch eines Tabus, die Hingabe zur Aufgabe. Sie prescht forsch in die Nacht des glamorösen P1.

Haltestelle Nationalmuseum Haus der Kunst.

 

Ich schlendere einmal mehr an den Schaufensterauslagen vorbei. Sachliche Prostitution, feinsteril geordnet für das übergeordnete Ich und das unbewußte Es. Der Geist sucht mit Sucht die Liebe. Sachbezogen stochert das Verlangen. Die käuflichen Sachen schreien hungrig nach ihren Besitzern, die sie dann pflegen und füttern. Noch ein paar Schritte und mein entzündlicher Geist darf sich hinter der Wohnungstür verschanzen, in den vier Wänden biquadrieren. Eine niemals endende Potenz ergießt geistige Ergüsse in die lustvolle Vagina der Bavaria. Erlebnishungrig möchte ich das städtische Treiben befruchten. Herz und Ratio zusammen zeugen wie ein Mann und eine Frau. Die Folge von Paarung sind Kinder, echte Münchner Kindl. Ich betrete mein Hotel Münchner Kindl und beruhige die schäumenden Gedanken.

Haltestelle Karlsplatz (Stachus).

 

Einige nachthungrige Jugendliche kleiden als Gang ihren Gang mit zeitgemäßer Anpassung in uniformer Kleidung, im Kopf der geballte Fuß. Überschwenglich treten sie Müllkörbe und Blechdosen. Einer von ihnen lallt nach der brauner Milch. Vater Staat gibt ihm die Flasche. Er trinkt das schale Bier. Alle johlen penetrant lärmig, die Schickeria in den rotweißen Schals, ballen ihre Fäuste. Aus dem verstörten firnigen Firnament über der stattlichen Stadt stieren die Gestirne hinab auf diese flackernden Torheiten. Sie krakeelen unüberhörbar und kosten den endlosen versiegenden Sieg. Alle außerhalb der Gruppe sind heute ihre Gegner. Diese geblockten Jugendlichen verstehen sich prächtig, keine Allianz des Lebens, aber eine der kurzen Euphorie. Sie ersaufen die Willkür des Alltags und ziehen sich immer weiter zurück aus der Allianz Arena hin zur Arroganz Favela.

Haltestelle Fröttmaning.

 

Dann kommt das schweifende Schweigen, das Widersetzen der wieder setzenden Himmelssignale. Wem sendet die Stadt heute lichtgeile Botschaften? Ein weiterer Stern schnuppert und fällt hernieder in die schlafende Stadt als wär ihm alles schnuppe. Zusammen mit stotternden Lichtern schwelgt die Stadt im redlichen Überfluss, einem für sich sprechenden bajuwarischen Genuss. Ein monumentaler Neuraum gibt mir Distanz zu den verwirkten Zeiten. Wie welke Blätter legen sich die sekundanten Sekunden, die minutiösen Minuten, die gestundeten Stunden und die betagten Tage auf mein Gemüt.

Plötzlich huscht mein Herz über eine blinkende Rasierklinge und klingt so wunderbar! Kein Wunder, wenn man sein Herz teilt. Da graben die sehnenden Süchte sich durch die grämenden Gräben der Stadt. Von den wenigen heiligen Gedanken bröselt geheilter Schorf. Und wieder fällt ein Stern vom Himmel und brennt ein Loch unter dem immerlärmenden Straßenpflaster.

Bereits morgen schon baue ich mein trautes Himmelszelt ab und befreie mich von dieser überbordenden Vielfältigkeit in eine botmäßige Einfältigkeit. Über diese Höhepunkte hinaus verbergen sich die verborgenen Höhenlinien eines zertalten Gebirges. Dann bin ich wieder der eruierende Eremit in einer anderen Freiheit, genauer gesagt der Münchner Freiheit.

Haltestelle Münchner Freiheit.

 

© Günter Zabel

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